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  • 11. November 2019 Julia Bröder

    „Wenn man weiß, was man nicht weiß, weiß man schon mal mehr“

    Marcel Peter von der Hochschule Pforzheim über seine unkonventionelle Masterthesis über Augmented Intelligence

    Die Masterthesis ist der krönende Abschluss einer langen Studienlaufbahn und für viele Studierende das höchste der wissenschaftlichen Gefühle. Die Themenfindung ist für so manche Fast-Absolvent*innen deshalb schon die erste hohe Hürde, bevor es überhaupt richtig zur Sache geht. Marcel Peter aus dem Masterstudiengang Corporate Communication Management an der Hochschule Pforzheim berichtet aus frischer Erfahrung, wie er sein Thema entwickelt und umgesetzt hat.

    Kommunikation in Pforzheim? Und wie! Ich bin Marcel Peter, 24 Jahre alt und ziemlich fertig – mit meiner kurzweiligen Studienzeit in der beschaulichen Schwarzwaldmetropole. In wenigen Tagen darf ich (hoffentlich) endlich den Mastertitel tief unten in der E-Mail-Signatur führen, auf den ich in den vergangenen zwei Jahren an der Business School Pforzheim hingearbeitet habe. Kurzer Werbeblock: Der Master Corporate Communication Management ist noch recht jung, verdient aber Eure Aufmerksamkeit, liebe Bachelorabsolvent*innen – Werbeblock Ende!

    Die vergangenen sechs Monate standen ganz im Zeichen meines Aufschlags für „Augmented Communications – eine Betrachtung der Veränderungen unserer Vertrauensbeziehungen zu Stakeholdern durch den Einsatz künstlicher Intelligenzen im Kommunikationsmanagement“. Bis der Arbeitstitel in dieser Form stand, habe ich jedoch einige iterative Runden auf dem Schreibtischstuhl gedreht.

    Themenbildung ist besser als Themensuche

    Anders als bei den üblichen Hausarbeiten im Studium geht es bei der Abschlussarbeit weniger darum, einen passenden Pfad zum kurzfristig gewählten oder gar vorgegebenen Thema zu finden, sondern diesen Pfad von Grund auf selbst zu errichten. Für mich stand zunächst nur fest: Meine Thesis soll sich mit der digitalen Transformation in unserem Beruf auseinandersetzen. Mit diesem Themenfeld hatte ich mich die beiden Semester zuvor im „Innovationslabor“ meines Studiengangs beschäftigt, ein Modul, das uns die Freiheit für ein selbstgewähltes Kommunikationsprojekt gewährte. Ich habe dort einen eigenen Blog (www.kommersion.de) konzipiert und bin bei der Recherche bereits auf unzählige Fragestellungen rund um die digitale Transformation gestoßen – darunter auch unerforschte Konfliktlinien und Perspektiven, über die sich nicht so ohne Weiteres ein Blogbeitrag hätte schreiben lassen. Dafür schrien sie quasi danach, in einer Thesis genauer untersucht zu werden.

    Zum Beispiel? Die Beobachtung, dass künstliche Intelligenz in der Kommunikationsbranche zwar in aller Munde ist, die Debatten sich aber zumeist eher einseitig um mögliche Einsatzgebiete oder die Akzeptanz der Technologien bei den Nutzern drehen. Aber welche Rolle spielen dabei wir Kommunikator*innen abseits der Debatte rund um unsere technischen Fähigkeiten? Dieser Blickwinkel war mein Ausgangspunkt.

    Ich habe dafür einen neuartigen Zugang über die Vertrauensforschung angewählt, da diese anders als beispielsweise die AI-Forschung in den Kommunikationswissenschaften bereits ein sehr etablierter Zweig ist – hier gibt es also viele Mosaiksteine, die in sich bereits gut geordnet sind.

    Meine zentrale Aufgabe war es dann, gegenseitige Anknüpfungspunkte zwischen den verschiedenen Disziplinen zu finden, also Brücken zu schlagen, wie es in unserer Berufspraxis gang und gäbe ist. Kolloquien mit den Professor*innen und Kommiliton*innen haben mir in der Zwischenzeit geholfen, eigene Denkbarrieren zu überwinden. Wichtig war es mir dabei aber auch, bei lauter externer Anregungen nicht den Fokus auf die selbstständige Themenbildung zu verlieren – es sollte schließlich mein Thema sein, damit die Motivation und der eigene Antrieb über mehrere Monate intrinsisch wachsen können. Zum Glück waren meine
    Professoren offen genug für unkonventionelle Forschungsansätze und Fragestellungen.

    Literaturrecherche, Methodik, Interviews: To plan or not to plan?

    Spätestens bei der Erarbeitung des Exposés stellte sich die Frage nach dem methodischen Zugang. Für mich war klar, dass es bei einem so zukunftsgerichteten Thema mit geringer Datenbasis ein qualitativer Ansatz werden muss, der vornehmlich neue Hypothesen generiert, statt vorhandene auf den Prüfstand zu stellen. Zweifel wurden schnell zu treuen Begleitern: Auf welche Expert*innen oder Proband*innen werde ich später zurückgreifen können? Mein Tipp an dieser Stelle: Nicht zu früh beirren lassen und den erarbeiteten Themenansatz im Zuge der Methodik lieber weiterentwickeln, statt ihn aus Angst vor der Empirie direkt über den Haufen zu werfen und durch ein vermeintlich leichteres Thema zu ersetzen. Wo ein Wille ist, ist auch ein empirischer Weg – zumal die ersten Stücke dieses Weges ja bereits mühsam mit eigenen Händen gelegt wurden.

    Vorgegangen bin ich dann so: Entlang eines Leitfadens führte ich Gespräche mit Vertreter*innen zweier Vergleichsgruppen und wertete diese aus: Anfänger*innen im Umgang mit AI und fortgeschrittene Nutzer*innen. Gefunden und für mein Vorhaben gewonnen habe ich sie über persönliche Kontakte und über ein eigene Session auf dem Barcamp des DPRG Zukunftsforums. So konnte ich u. a. mögliche Treiber und Hürden von Vertrauen der Kommunikator*innen in AI identifizieren und in ein Modell transferieren, das die neue Vertrauensbeziehung zwischen Kommunikator*innen und AI-Systeme in das bestehende Vertrauensgeflecht einbettet.

    Über Kalibrierung und Differenzierung zum Ziel

    Zu guter Letzt ist auch das Fazit bei einem so vielschichtigen Themenkomplex eine gedankliche Leistung auf der Zielgeraden, die sich kaum auf Reserve fahren lässt. In meinem Fall über 80 Seiten und mehrere Monate Arbeit auf einen Nenner zu bringen, ohne übereilt wohlklingende Schlussfolgerungen zu ziehen, die aber
    jeglicher Kausalität entbehren – das ist gar nicht mal so einfach. Mir hat hier geholfen, sehr genau die Limitationen und die übrig gebliebenen Implikationen meiner Arbeit darzulegen. Wenn man weiß, was man nicht weiß, weiß man schon mal mehr.

    Das ist übrigens auch eine meiner Beobachtungen im Hinblick auf Vertrauen in AI bei Kommunikator*innen. Das Set der fortgeschrittenen Nutzer*innen konnte auf Treiber- und auf Hürdenseite genauere Einschätzungen geben, die sich durch ihre
    argumentative Unterfütterung seltener auf Mutmaßungen bezogen als bei den AI-Beginner*innen. Diejenigen, die bereits undurchsichtige AI-Systeme kennen, sind womöglich desillusioniert – weil sie bereits wissen, dass der Mensch Eingriffsmöglichkeiten verliert und unser technisches Wissen nicht ausreichen wird, um die Vorgänge der maschinellen Entscheidungsfindung zu verstehen. Kontrolle hat sich als ein zentraler Faktor erwiesen, inwieweit Vertrauen in AI-Anwendungen ausgeprägt werden kann. Einfach gesagt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – aber wo Kontrolle verloren geht, braucht es gut kalibriertes Vertrauen, das den Fähigkeiten der Maschine und den Anforderungen der entsprechenden Aufgabe im Regelkreis der Kommunikation bestmöglich entspricht.

    Meine Thesis zeigt erste Anhaltspunkte auf, dass in der Kooperation von Menschen und Maschinen im Stile einer Augmented Intelligence große Potenziale für das Kommunikationsmanagement liegen. Statt im Status Quo mit lediglich assistierenden Technologien zu verweilen oder direkt in dystopische Zukünfte mit autonomen Intelligenzen zu springen, sollten wir also die Graustufen ansteuern. Dieses Motto lässt sich auf viele Situationen übertragen, in denen wir in mit einer immer komplexeren Umwelt konfrontiert werden – oder wenn eben gerade die Abschlussarbeit ansteht:  Differentation is key!

    Bei Fragen oder Interesse an weiteren Einblicken in meine Masterthesis erreicht ihr mich jederzeit über die Kontaktdaten auf meiner Website www.kommersion.de, auf Facebook oder über Twitter. Ich wünsche allen angehenden Bachelorand*innen und Masterand*innen eine inspirierende und erfolgreiche Zeit auf dem Pfad zum krönenden Abschluss!


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